Kindertheater ist erwachsen: Wittener bundesweit auf Tour


14.03.2003 / MANTEL / MANTEL

Witten. "Cocomico und Reibekuchen", das ist Heidi Ernesti klar, "spielen in einer anderen Liga". Das sind die ganz großen Tourneetheater. Aber auch das Wittener Kinder- und Jugendtheater, vor fast 25 Jahren als Verein gegründet, ist inzwischen bundesweit auf Tour: Gastspiele gibt es von Wilnsdorf bis Kiel, von Straubing bis Norderney.

Angefangen hat alles 1977/78 mit einer Hand voll junger Leute "zwischen Schule und Studium", erinnert sich Heidi Ernesti. Die Gruppe startete eine Anfrage ans Wittener Jugendamt, ob es denn nicht möglich sei, mal einen Theaterkurs anzubieten, und stieß dort auf offene Ohren. Ein Probenraum war schnell im Haus der Jugend gefunden, als "Dozent" verpflichtete man einen Studenten: Ralph Reiniger, heute Künstlerischer Leiter und 1. Vorsitzender des Vereins, damals Student der Theaterwissenschaften an der Uni Bochum. Und dann der erste Auftritt - in der Aula der Schillerschule: "Das kam so gut an, und wir hatten so einen Spaß - da haben wir beschlossen weiterzumachen", erzählt die heutige Geschäftsführerin Ernesti.

Leichter gesagt als getan: Es fehlte hinten und vorn an Geld, dafür gab es reichlich Kontakte: "Das Bühnenbild haben uns damals die Bühnenbildner vom Theater Dortmund gemalt", und den Lkw, um die ganze Ausstattung von Spielort zu Spielort zu schaffen, "haben wir irgendwie auf Umwegen über Ostermann (das Einrichtungshaus) bekommen". Mit Kostümen wurden die Darsteller von schneidernden Müttern, Großmüttern oder Tanten ausstaffiert. Geld für die Programmzettel - und natürlich fürs eigene Überleben - wurde durch Jobs wie Nachhilfeunterricht oder Kellnern verdient.

"Wir mussten ja alles selbst bezahlen", erinnert sich die Frau der ersten Stunde an die Anfänge. Da reifte dann die Idee: "Warum nicht einen gemeinnützigen Verein gründen? Da gibt es wenigstens finanzielle Hilfen." Umgesetzt wurde die Idee 1979. Auch da war man natürlich "weit davon ab, vom Theater leben zu können. Das Büro war bei mir zu Hause, da schrillte oft noch nachts das Telefon. Man hatte kein Privatleben mehr".

Seit sechs Jahren eigene Büroräume:

"Privat ist extra"

Seit sechs Jahren ist das anders: Der Verein hat jetzt eigene Büroräume - und "Privat ist extra". Schauspiel auch: Mit wachsendem Erfolg nahm der Organisationsaufwand so zu, dass Heidi Ernesti nicht mehr selbst auftritt. Sogar als "Springer" nicht - denn: Da war mal was. "Das war sooo peinlich. Ich musste für eine ,Prinzessin einspringen, und als ich auf die Bühne kam, rief ein Mädchen im Publikum: ,Booah, da kommt die Königin! Als Prinzessin ging ich wohl nicht mehr durch".

Und dabei hatte die Wittenerin in ihren Anfängen auf der Bühne immer die "Oma- und Mutterrollen" spielen müssen, erst später kamen dann die Kinderrollen. Dankbar waren natürlich auch die Auftritte in Tierkostümen - wenn man etwa in der Haut von Janoschs Tiger oder Baer stecken konnte. Das machen heute andere: die Stuntfrau Lisa Everling im Baerenfell etwa oder die zierliche Britta Lemon, die als Tiger selbst die Mütter der kleinen Zuschauer täuscht: "So ein süßes Kind." Dabei gehören Kinder dem Ensemble natürlich überhaupt nicht an: "Die könnten doch nicht mit uns quer durchs Land von Auftritt zu Auftritt fahren", weist Ernesti die Frage nach Kindern im Kindertheater zurück.

Vier Produktionen sind es derzeit, mit denen zwei verschiedene Ensembles auf Tournee sind: "Pettersson, Findus und die Hühner", "Heidi", "Wie der Tiger zählen lernt" und "Kleiner Dodo, was spielst Du". Die Darsteller kommen längst nicht mehr aus Witten, sondern sind ausgebildete oder "weitergeschulte" Schauspieler aus Pulheim, Wuppertal oder Bonn. Und das Programm wird auch nicht mehr auf selbstgeschriebenen Zetteln vervielfältigt, sondern auf Glanzpapier gedruckt. Das fürs Jubiläumsjahr ist auch schon fertig: 2004 erfährt man dann unter anderem, "Wie Findus zu Pettersson kam" oder wie "Mama Kuh und die Krähe" immer aus der Reihe tanzen.

Von Barbara Heßmann